Erpel, die Erpel begatten, die tot sind

Kees Moeliker

Wir schreiben das Jahr 1995. Im Naturhistorischen Museum Rotterdam sitzt der Kurator Kees Moeliker (das spricht man „Muhlicker“) in seinem Büro im zweiten Stock, es ist Wochenende und er ist allein im Gebäude. Plötzlich hört er einen lauten Knall, der aus dem Erdgeschoss zu kommen scheint. Kees geht nach unten und entdeckt durchs Fenster die Ursache des Geräusches – eine männliche Stockente ist gegen die Glasfassade geflogen und hat so ihr unzeitliches Ende gefunden. Das passierte damals öfter mit verschiedenen Vögeln, denn die Glasfassade war neu. Kees will nach draußen gehen, um den Erpel einzusammeln – als etwas ungewöhnliches geschieht. Ein weiterer, lebender Erpel kommt hinzu und beginnt, seinen toten Artgenossen aggressiv zu begatten und zwischendurch immer wieder auf ihn einzuhacken. Ganz Wissenschaftler, dokumentiert Kees dieses äußerst verstörende, doch interessante Verhalten, das er weiter durchs Fenster beobachtet. Nach über einer Stunde – der lebende Erpel ist noch immer kräftig bei der Sache – geht Kees nach draußen, scheucht den „Vergewaltiger“ weg und sammelt sein Opfer ein. Er wird es später ausstopfen und fotografieren, um seine Beobachtungen in einem Artiekl zu veröffentlichen. Dieser Artikel bringt ihm acht Jahre später den Nobelpreis.

Naja, nicht den richtigen Nobelpreis. Sondern den Ig Nobelpreis. Dieser Preis wird verliehen für Wissenschaft, die die Menschen erst zum Lachen und dann zum Nachdenken bringt über Erkenntnisse und Erfindungen, die einzigartig sind (und dies vielleicht auch besser bleiben sollten). Der Name Ig Nobel ist ein Wortspiel aus dem bekannten Nobelpreis und dem englischen Wort „ignoble“, was sowiel heißt wie „schmachvoll“ oder „unehrenhaft“. Der echte Nobelpreis ist mit ca. 850,000 € dotiert. Für den Ig Nobel-Preis bekommt man zehn Billionen Dollar. Kein Scherz, wirklich. 10,000,000,000,000 Dollar.  Okay, Simbabwe-Dollar (Das war bis 2009 die offizielle Währung dieses afrikanischen Landes). Durch die Extreme Inflation dieser Währung sind die zehn Billionen Simbabwe-Dollar leider praktisch nichts wert. Man kann die Scheine für ein paar Euro bei Ebay kaufen.

Auch 2015 gab es Ig Nobelpreise für verschiedene glückliche Wissenschaftler. Die werden übrigens diskret gefragt, ob sie den Preis annehmen wollen, bevor sie zur Zeremonie eingeladen werden. Die allermeisten sagen Ja. Denn es geht nicht darum, die Wissenschaft lächerlich zu machen, sondern ungewöhnlichen und manchmal auch bizarren

Erkenntnissen einen gewissen Bekanntheitsgrad zu verschaffen. Dieses Jahr wurde zum Beispiel ein Wissenschaftler geehrt, der herausfand, dass Hühner wie Dinosaurier laufen, wenn man ihnen einen Pömpel an den Hintern klebt. Ihr wisst schon, das Saugnapfding zum Toilette-Entstopfen. Eine weitere Gruppe Wissenschaftler fand einen Chemikalienmix, um Eier zu „unkochen“, also hartgekochte Eier wieder weichzukriegen. Vielleicht gar nicht schlecht, wenn man auf mittelweiche Eier steht und die Eieruhr mal wieder nicht gehört hat. Ein weiteres Forscherteam aus dem Bereich der Literaturwissenschaften fand heraus, dass jede Sprache ein Äquvalent für das „…, ne?“ oder „…, nech?“ oder „…, oder?“ hat, das man ans Satzende hängt, um sich beim Gesprächpartner Bestätigung zu holen.

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George und Charlotte Blonsky

Auch Erfindungen haben Ig Nobelpreise bekommen. So zum Beispiel ein mechanischer Gebärhelfer, bei dem die Gebärende auf einen Tisch mit drehbarer Oberfläche geschnallt und dann schnell gedreht wird. So soll dem Kind per Zentrifugalkraft aus dem Mutterleib geholfen werden. Das Teil hat natürlich auch ein Baby-Auffangnetz. Ist doch klar, man hat die Maschine schließlich gut durchdacht. Eine andere äußerst praktische Erfindung war ein Wecker, der immer wieder wegläuft und sich versteckt, um einen zum Aufstehen zu zwingen. Die Erfinder hofften, damit das Leben vieler Menschen effizienter zu machen.

Skurrile wissenschaftliche Erkenntnisse erfordern anscheinend überdurchschnittlich viele Selbstversuche. Michael L. Smith ließ sich wiederholt von Bienen stechen, an 25 verschiedenen Körperstellen. Das Fazit: Am Penis tat’s am meisten weh, an den Armen am wenigsten. Aha. Oder Donald L. Unger, der 60 Jahre lang mit den Fingern einer Hand knackte (mindestens zweimal täglich), mit denen der anderen Hand jedoch niemals. Seine Oma hatte ihm als Kind immer gesagt, dass man vom Knacken Arthritis bekäme. Bekommt man nicht, hat er herausgefunden (er jedenfalls nicht). Das nenne ich Durchhaltevermögen! Und dann war da noch John Trinkaus, der sehr genau protokollierte, was ihn im täglichen Leben so störte – wieviele Leute Baseballcaps mit dem Schild nach hinten statt nach vorne tragen, wieviele Leute an einem bestimmten Stopschild nur langsamer wurden, aber nicht anhielten, wieviele Leute mehr als die erlaubten Artikel an der Expresskasse im Supermarkt aufs Band legten, etc. Mehr als 80 solcher Zählungen hat der Mann angefertigt und veröffentlicht.

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Miss Sweetie Poo bei der Ig Nobelpreis-Verleihung 2013

Einige der Erkenntnisse, die mit einem Ig Nobelpreis ausgezeichnet wurde, waren eher Freizeitprojekte, zum Beispiel die Sache mit dem Fingerknacken. Andere jedoch, etwa die Schmerzstudie von Bienenstichen oder das Huhn mit dem Pömpel am Hintern, gründen auf ernsthaften wissenschaftlichen Fragen. Und ernsthaft ist Wissenschaft eigentlich fast immer, und sehr zeitaufwändig und stressig. Darum ist es ganz schön, wenn man einmal im Jahr über Wissenschaft lachen kann. Das geht am Besten, wenn man sich die Zeremonie auf YouTube anschaut (https://www.youtube.com/watch?v=MqVCl2VoZqU). Die ist nämlich eine Klasse für sich. Viele Preisträger kommen in albernen, selbstgebastelten Kostümen, die zu ihrer Studie passen. Um sicherzugehen, dass niemand mit seiner ewig langen Dankesrede das Publikum einschläfert, gibt es ein (echtes! – keine Schauspielerin) achtjähriges Mädchen, „Miss Sweetie Poo“, die den Sprecher nach drei Minuten anbrüllt: „Hör auf, mir ist langweilig!“ Und die Preise – aus billigem Material gebastelt – werden von Preisträgern des https://i2.wp.com/im.rediff.com/news/2014/sep/20nobel11.jpgechten Nobelpreises überreicht. Die Gemeinschaft der Wissenschaftler nimmt die Ig Nobelpreise also durchaus als wichtiges Ereignis wahr! Die renommierte Zeitschrift Nature bezeichnete die Ig Nobelpreis-Verleihung sogar als „Höhepunkt des Wissenschaftsjahres“.

Es gibt Wissenschaftler, die zwei Nobelpreise bekommen haben, z.B. Marie Curie. Es gibt auch Leute, die zwei Ig Nobelpreise bekommen haben. Soweit ich weiß, hat noch niemand sowohl den Ig- als auch den echten Nobelpreis gewonnen. Das ist doch ein schönes Ziel für den wissenschaftlichen Nachwuchs!

PS.: Kees Moeliker hat seinen Ig Nobelpreis bei sich zu Hause im Gästeklo aufgehangen.

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Über erklaertante

Ich habe in Halle und London Biologie studiert und am MPI für Zelbiologie und Genetik in Dresden promoviert. Für meine Forschung nutzte ich die Fruchtfliege Drosophila melanogaster. Inzwischen habe ich das große Glück, mein Hobby als Beruf zu haben: Wissenschaft einem breiten Publikum nahezubringen. Hier berichte ich regelmäßig über Kuriositäten und interessante Neuigkeiten, die irgendwie mit Forschung zu tun haben. Dabei versuche ich, auch die Grundlagen für jeden verständlich zu erklären. Ich halte auch sehr gerne Vorträge und möchte in Zukunft gerne allgemeinverständliche Wissenschaftsvideos veröffentlichen.
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3 Antworten zu Erpel, die Erpel begatten, die tot sind

  1. jtaelling schreibt:

    Warum hat das keiner bisher mit einem „gefällt mir“ ausgezeichnet. Ist doch genial. Danke.

    Gefällt mir

  2. Pingback: DNA mitgefangen, den Falschen gehangen | schlaugemacht

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